Der liebe Gott mit der Kalaschnikow

Natürlich ist das neueste Titelblatt von „Charlie Hebdo“ höchst undifferenziert und plump. Aber was ist da schon dabei? „Charlie Hebdo“ stand von allem Anfang an nie für differenzierte, ausgewogene und konstruktive Analyse, sondern stets nur für zynische, verletzende und destruktive Verspottung von allem, was sich irgendwie durch den satirischen Dreck ziehen liess. (vgl. dazu "Der Schreibtischtäter als Opfer") Und in einer offenen Gesellschaft muss doch so etwas auch Platz haben, weil es ja durchaus eine Funktion erfüllt: nämlich die, ein Lachen zu provozieren, das im Hals stecken bleibt und so zum Denken anregt.

Und eben: lustig finde ich den göttlichen Terroristen halt doch: nicht nur, weil er toll gezeichnet ist, nicht nur, weil hier verbohrte, laizistische Fundamentalisten plötzlich die sehr orthodoxe Voraussetzung einer unfassbaren, göttlichen Allgegenwart machen. Sondern besonders, weil hier ein brutales Gottesbild aufgenommen wird, das in der Bibel nun wirklich nicht marginal ist, sondern in ganz zentralen Texten ganz schamlos vorausgesetzt wird. Ungebildet waren ja die Zyniker von "Charlie-Hebdo" weissgott noch nie...

Vielleicht sollten all jene gutbürgerlichen Christen, die sich seit drei Tage über die Zeichnung von „Charlie-Hebdo“ echauffieren, wieder einmal ein wenig in ihrer Bibel blättern, sie kämen dabei so ziemlich auf die Welt: da fänden sie schon im ersten Buch der heiligen Schrift z.B. in der Sintflutgeschichte  einen verärgerten, weil überforderten Gott, der in einer Affekthandlung, die er nachträglich dann bereut, gleich die ganze Weltbevölkerung (bis auf eine Familie) durch Ersäufen genozidiert (Gen 6-9). Ein Buch weiter, im berühmten Deborah-Lied (Ex 15), träfen sie dann auf einen ebenso masslosen Amok-Gott, der zur Verteidigung einiger arbeitsscheuer Asylanten gleich die halbe Natur zu Hilfe nimmt, um die ägyptische Hochkultur zu bodigen. Und wenn diese zartbesaiteten Christenmenschen dann, durch so viel altorientalische Brutalität angewidert, zu ihrem „lieben Gott“ Zuflucht suchten, würden sie z.B. im Psalmenbuch – dem Fundament des christlichen Gebets – als Trost solche Sätze lesen, wie: „Der Herr steht an deiner Seite, er zerschmettert am Tag seines Zorns die Könige, er hält Gericht und stapelt die Leichen auf, er zerschlägt weit herum auf der Erde die Schädel – kurz nur trinkt er aus dem Bach am Wegrand und erhebt dann wieder sein Haupt.“ (Ps 110, durch die ganze europäische Musikgeschichte hindurch dutzendfach vertont).

Kurz, was soll's: mir scheint, neben der biblischen Kriegsgurgel sieht der geduckte Terrorist von „Charlie-Hebdo“ mit seinem Kalaschniköwchen auf dem Rücken, doch ziemlich harmlos, ja schon fast niedlich aus. Auch Dürrenmatts  „Weltmetzger“ wäre wohl um einiges gefährlicher – und über den hat sich seit 50 Jahren noch kaum jemand empört, obwohl er weniger lustig ist und damit auch blasphemischer. Aber das ist halt Kunst, und die darf bekanntlich alles...

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Kommentare: 2
  • #1

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