Politische Hobelspäne? Wieso bloss?!

 

Weil im politischen Alltag immer wieder Texte entstehen, die dann aus verschiedensten Gründen "abfallen" (etwa, weil sie zu lang sind, oder zu kurz, oder zu giftig, oder weil da ein Adjektiv  17 WählerInnen schocken könnte, die dann womöglich in 4 Jahren usw....). Diesen Abfall gibt's hier zu lesen.


Vollgeld-Initiative

 

Die NEIN-Sager finden…

 

… der Staat sollte besser wegschauen, wenn die Banken aus dem Nichts Geld schöpfen und so die nächste Finanzblase vorbereiten!

 

Frei nach dem bekannten Motto. „Weniger Staat, mehr Freiheit für die Spekulanten und Finanzjongleure!“

 

Deshalb:

Im Würgegriff der Finanzhaie

 

 

Zugegeben: der Titel ist nicht gerade mitreissend. Aber er fasst die kühne Grundidee des schmalen Büchleins sehr gut zusammen: genau so, wie 1914 im „Grossen Krieg“ die europäische Jugend durch zynische Politiker massenhaft in den Tod gejagt wurde, genau so wird heute die Jugend durch zynische und kranke Wirtschaftsführer massenhaft in Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Verzweiflung gejagt. Denn die heutige Wirtschaft wird durch ihren Finanzsektor nicht mehr gefördert, sondern erstickt und demoliert.

 

Und das schreibt nicht irgendein ideologisch bornierter, wirtschaftsfeindlicher Ignorant, sondern ein ausgewiesener Spezialist und Insider, seines Zeichens Professor für „Quantitative Finance“ an der Universität Zürich.

 

Auf knappen 92 Seiten werden nicht nur – eingängig und kurz - all jene geheimnisvollen Begriffe der heutigen Finanzwelt erklärt (und am Schluss auch durch ein ausführliches Register erschlossen), die man überall liest und nie wirklich versteht. Während der Lektüre sieht man auch immer klarer und mit zunehmendem Schrecken, dass die heutigen Demokratien voll im Würgegriff der Wirtschaft sind und diese (Real-)Wirtschaft ihrerseits von spielsüchtigen, d.h. geisteskranken Finanzspezialisten in den Abgrund geritten wird.

 

Leider war das Büchlein (dessen Übersetzung aus dem Französischen u.a. von Unia und WWF unterstützt wurde) zu kurz, um wirklich Beachtung zu finden. Aber eigentlich wäre es viel kühner, viel treffsicherer und darum auch viel nützlicher, als die allseits hochgejubelten Bestseller von Sedlacek oder Piketty. Es zeigt nämlich, dass der Kapitalismus nicht die heute einzig mögliche, moderne Form von Wirtschaft ist (wie allseits selbstverständlich vorausgesetzt wird), sondern in Tat und Wahrheit eine wirtschaftsfeindliche, ja wirtschaftsvernichtende Form von kollektiver Geisteskrankheit.

  

Marc Chesney, Vom grossen Krieg zur permanenten Krise. Der Auftieg der Finanzaristokratie und das Versagen der Demokratie, Zürich 2014, 92 Seiten.

 

Eben ist die französische Fassung in zweiter Auflage erschienen:

Marc Chesney, La crise permanente. L'oligarchie financière et l'échec de la démocratie, Lausanne 2018, 157 p.

 

 

Parteienlogik

 

Ja, harzig wird sie wieder sein, die kommende Rentendiskussion. Und zwar, weil man sich weiterhin nicht einmal über die Anwendung der einfachsten Begriffe einig ist.

 

Wenn z.B. die FDP die Erhöhung des Rentenalters auf 67 durchboxen wollte, dann wäre das ein klarer Rentenabbau, der ausgeglichen werden müsste. Schliesslich verkürzte sich so die nachberufliche Freizeit. Das wäre logisch - für alle.

Wenn z.B. die Gewerkschaften die Senkung des Rentenalters auf 64 fordern würden, dann wäre das ein klarer Rentenausbau, der ausgeglichen werden müsste. Schliesslich verlängerte sich so die nachberufliche Freizeit. Das wäre logisch – für alle.

 

Nun aber: was ist, wenn die Medizin die durchschnittliche Lebenserwartung anhebt, was sie seit Jahren tut? Dadurch verlängert sich die nachberufliche Freizeit  ja auch.

Deshalb denkt die Rechte automatisch: das entspricht klar einem Rentenausbau, der ausgeglichen werden muss. Das ist doch logisch, oder? Und die Linke findet instinktiv: natürlich nicht, von Rentenausbau kann man nur reden, wenn an den Renten geschraubt wurde, nicht wenn die Lebenserwartung steigt. Das ist logisch, oder?

 

Wie soll man sich über Renten einigen können, wenn man nicht einmal über Logik einer Meinung ist?

 

25. September 2017

 


Der 1. Mai – ein alter Zopf?

 

          „Der 1. Mai? Mit dem komischen Umzug und den roten Fahnen und der Internationalen? Das ist doch längstens passé, das ist ein alter Zopf!“ so tönt es allenthalben in linken Kreisen. Und da scheint schon was dran zu sein: modern ist der 1. Mai-Umzug bestimmt nicht. Ein Protestmarsch, eine Demo, ein Sit-in, aus aktuellem Anlass spontan organisiert, das ginge vielleicht noch. Aber ein jährlich wiederkehrender Umzug an einem bestimmten Tag im Kalender, mit Fahnen und Absingen der Internationalen? Das riecht doch nach Fronleichnamsprozession, nach Bittgang – jedenfalls nach etwas Religiösem aus dem „dunklen Mittelalter“, das sogar in der katholischen Kirche am Verschwinden ist.

 

         Moderne Politik sieht anders aus: da wird kritisch analysiert, sachlich argumentiert, professionell propagiert und zum Schluss sauber evaluiert. Und das geschieht nicht an Umzügen, sondern an Sitzungen. Die effiziente, gekonnt moderierte und gut protokollierte Sitzung, das ist das Kernelement jeder modernen Politik. Denn moderne Politik, gerade auch linke, die gründet auf kühler Vernunft, nicht auf diffusen Gefühlen.

 

         Komisch ist nur: in letzter Zeit gewinnen weltweit nicht mehr die Politiker, die an die Vernunft appellieren, sondern die, die auf Gefühle bauen. Denn „die Wähler entscheiden sich heute eher für Stimmungen als für Programme“ (Benjamin Kunkel). Und zwar nicht nur zur Rechten, auch zur Linken, das zeigt der Schulz-Effekt in Deutschland.

 

         Drum sollte man vielleicht doch weniger einseitig auf spröde, verkopfte Vernünftigkeit setzen. Drum sollte man sich vielleicht doch zwischen zwei Sitzungen wieder etwas mehr Geselligkeit gönnen.

 

         Dazu wäre am 1. Mai schon eine Gelegenheit. Und eines ist wohl allen klar: auch an einem vormodernen Umzug kann man zwischendurch ganz modern und vernünftig miteinander reden - trotz Würstchen, Bier und roten Fahnen...

 

April 2017